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ERÖFFNUNGSREDE / Text von Dr. Jutta Höfel

Zur Ausstellung „41.000 Kilometer – Flucht nach Europa“ von Daniel Etter in der Südpark-Galerie vom 20. Januar bis 19. Februar 2017

Seit Jahren begleitet der Journalist und Fotograf Daniel Etter Menschen auf der Flucht, illustriert und ergründet ihre Erfahrungen in seinen Texten und Bildern.

Er zeigt uns, wie es sich anfühlt, nichts zu haben als die Kleider, die man trägt und ein wenig Nahrung für den Tag, weiter und weiter gehend, fahrend, schwimmend, laufend, stolpernd, schmutzig, müde, hungrig, durstig, und immer wieder wartend, lagernd, schlafend auf dem bloßen Boden neben anderen, mit denen man die Erinnerung an Zerstörung und Mord teilt; viele körperlich und alle seelisch verletzt, ohne zu wissen, wohin man kommt und ob man bleiben kann. Nichts zu haben außer dem Leben, für das man alles andere hinter sich gelassen hat: Familie und Freunde, Arbeit, Lohn und Wohnung, Land und Kultur.

Schauen wir genauer hin, wie es Daniel Etter gelingt, eine Brücke zu schlagen zwischen denen, die so viel verloren und uns, die so viel besitzen.
 
Oft ist in seinen Fotografien eine Person in den Mittelpunkt gerückt, eine aus einer Gruppe, eine aus dem Strom, an dessen Rändern wir stehen, der länger schon und breiter noch andauert, als wir ahnen. An dieser Menge Anteil zu nehmen, fällt schwer, einem einzelnen aber können wir uns nicht entziehen, vielleicht auch mit der Frage: Was, wenn ich dort wäre?

Da kniet ein Mann, die Hände in muslimischer Gebetsgeste geöffnet, die Augen geschlossen; wir meinen, die plätschernd ausrollenden Wellen zu hören, die sein Tod hätten sein können. Die aufgehende Sonne verleiht dem Wasser und dem nassen Sand Glanz, den Bergen und dem Himmel im Hintergrund einen Schimmer, es ist eine Morgendämmerung, ein neuer Beginn. Unser Blick geht an den Männern in ihren leuchtenden Westen vorüber, konzentriert sich auf den Betenden, aus dessen tiefer Dankbarkeit wir den Abgrund der Gefahr spüren.

Gerettet sind auch der Vater und seine beiden Kinder, noch halb im Meer, scharf herausgehoben vor anderen, die auch entkommen sind, ein starker Mann, der Sohn und Tochter umklammert, während ein lautes Schluchzen sein Gesicht verzerrt, in dem sich die überstandene Angst und die Erleichterung ausdrücken – das ist das Foto, für das Daniel Etter 2016 den Pulitzerpreis bekam.

Die Authentizität seiner Arbeit gründet in dem Vertrauen, das er erreicht, indem er den Porträtierten als Mensch begegnet, mit ihnen spricht, ihnen zuhört, bevor oder nachdem er sie fotografiert hat. Da er das Interesse wörtlich nimmt als Dabeisein, Dazwischensein, geht es ihm nicht um das Abschießen von Sensationen, sondern um das aufmerksame Umschließen von Schicksalen. Dann kann es geschehen, dass die Kamera keine Distanz schafft, sondern Nähe zulässt.

Zum Beispiel bei den afghanischen Frauen, deren Männer und Kinder bei der Überquerung des Grenzflusses Evros zwischen der Türkei und Griechenland ertranken. Sie weinen gemeinsam, trösten einander, und Daniel Etter ist in ihrem Kreis.

Ganz unmittelbar ist er und sind damit wir in der Mitte von Frauen, die bei einem Fluchtversuch von der libyschen Küste gefangen genommen wurden. Eine von ihnen hat gerade vom Tod ihrer Mutter erfahren, und während in ihren Augen ein entsetzt-ungläubiges „Nein“ steht, bricht der Schmerz aus ihrem Mund und erfasst auch ihre Nachbarin.

Daniel Etter hat diese Fotografie ausgesucht. Es hätte viele gegeben, eine Serie, auch ein Video über den Zusammenbruch der jungen Frau und das Wehklagen der anderen, das die Wärter für eine Weile nicht beherrschen können, doch dieser Moment erschien ihm am ergreifendsten.

Und so, wie wir ihn hier in der Galerie wahrnehmen, als mittelgroßes Bild in schmaler Leiste, können wir uns in unserer Geschwindigkeit und unserem Maß auf ihn einlassen und uns mit dem Schrecklichen  auseinandersetzen, das darin zum Vorschein kommt. In dieser Betrachtung kann unser Mitgefühl intensiver angesprochen werden als bei einem ablaufenden Film, und vielleicht finden wir zu einem anderen Umgang mit Gleichgültigkeit und Verdrängung.

Daniel Etters Arbeiten können uns dazu bringen.
Auch eine weitere Aufnahme von inhaftierten eritreischen Flüchtlingen in Libyen, für die der Fotograf eine andere Perspektive gewählt hat. Er lässt uns das Gitter sehen, hinter dem die Männer sich dicht an dicht drängen, Gesichter, aus denen das Weiße der Netzhaut leuchtet, Hände, die sich an die Stäbe klammern; er lässt uns die Unerträglichkeit empfinden, dass Menschen einander einsperren, foltern und töten.

Daniel Etter war war auch in diesem Fall so mutig, sich den Gefahren auszusetzen und gleichzeitig seiner Ohnmacht, nicht eingreifen und etwas ändern zu können. In einem Interview dazu befragt, antwortete er: „Wenn andere dort sind, die helfen – dann ist es meine Aufgabe zu fotografieren.“ In manchen Fällen wird der Fotograf erst beim Anschauen seiner Aufnahmen von Gefühlen überwältigt, die er während der Arbeit nicht bemerken kann. So erging es ihm mit seinem später prämierten Foto: „Mir sind immer wieder die Tränen gekommen.“

Das einfühlsame Auge Daniel Etters galt auch dem einsamen Jugendlichen am Marmarameer, der auf die Containerschiffe blickt, die ihre unerreichbare Bahn in Küstennähe ziehen. Der 17-Jährige hat es geschafft bis über die griechische Grenze, doch ohne das Geld, weiter zu kommen, ist er gestrandet im Nirgendwo zwischen den Grenzen von Asien und Europa, zwischen relativer Sicherkeit und sicherer Lebensgefahr.

Manche richten sich unterwegs für eine Weile ein, in behelfsmäßigen Zelten, in notdürftigen Hütten, in überfüllten Zimmern und an illegalen Arbeitsplätzen. Auch davon erzählen Daniel Etters Fotos: Von zwei Männern auf der Balkanroute, die morgens unter der gemeinsamen Decke erwachen. Wenn der eine dann am kärglichen Feuer ein wenig Wärme gewinnt, bleibt der andere im kalten Schatten.

Ein junger Mann aus Afghanistan arbeitet in einer Schneiderei versteckt in einem Keller, immer in der Anspannung, entdeckt zu werden und mit miserabler Bezahlung, die aber über die nächste Etappe der Flucht entscheidet.
Die tägliche Routine bietet zudem einen Halt in all der Ungwissheit, nicht anders inmitten der unwürdigen Bedingungen der Auffanglager, wo Tätigkeiten wie das Wasserholen – so auf dem Titelfoto der Einladung – die sich dehnende Zeit gliedern und mit etwas Handlung und Sinn füllen.

Manche bleiben Monate an einem Ort, wie auf dem Berg Gourougou in Marokko. Dort sitzen Männer aus Mali auf einem Balken über der nackten grauen Erde zwischen Abfällen,
unter ihnen einer, der ein Shirt mit der Deutschlandfahne und Fußbällen trägt, vielleicht seine Wünsche für die Zukunft. Sein Gesicht ist von Traurigkeit überzogen, eingerahmt von der Trostlosigkeit der Umgebung und vergessen von der Welt, die sich gerade auf die Fußballweltmeisterschaft 2014 vorbereitete.

Daniel Etter hat das Gespür für Augenblicke, die uns mit existentiellen Erfahrungen berühren, mit Angst und Verzweiflung, mit Erleichterung und Dankbarkeit. Die inhaltliche Ästhetik seiner Aufnahmen wie Lichtstimmungen, Farbkontraste und Personenkonstellationen verdichtet er durch die Auswahl der Perspektive und des Ausschnitts zu einem unvergesslichen Anblick, nie außer Acht lassend, dass es leidende Menschen sind, an denen er nicht vorübergehen kann.

Der Eindringlichkeit seiner Dokumentation gelingt es, uns – die wir nicht dort waren – in Bann zu ziehen. Dieser Intention entspricht die Präsentation der Arbeiten in schlichten Holzleisten. Dazu stellt er Tafeln, die das Bild auf einer Karte verorten und in zugleich persönlichen und sachlichen Texten über die Menschen informieren, die uns gegenüberstehen. Der Journalist kennt ihre Namen und ihre Geschichte, die er in wenigen Worten umreißt und dann in die große Geschichte aller Flüchtlinge einbettet.

Wir laden Sie ein, näher heran zu treten, Fatima und Parwin Rahimi, Zaher und Kabir kennenzulernen. Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, nicht nur die Folgen der Flucht mildern, sondern auch ihre Ursachen, so dass mehr Menschen in Sicherheit leben können, einen Weg, zu dem jeder von uns einen Teil beiträgt.

© 2017 Dr. Jutta Höfel

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FLUCH DES KRIEGES – GEDANKEN EINES FLÜCHTLINGS

Ergänzend zur Ausstellung „41.000 km Flucht nach Europa“ (20.01.-19.02.17) sahen die Besucher der Ausstellung in der Südpark-Galerie eine Videoaufzeichnung des jungen Syrers Ala'a Abohaweya.
Sie finden diesen Beitrag auf YouTube unter dem Titel: „Fluch des Krieges“. Ergänzend zu diesem 6-minütigen Film trug Ala’a im Rahmen der Vernissage folgenden Text vor (unredigiert):

Bisher habe ich keine Antwort auf alle meine vorherigen Fragen gefunden.
Es ist als würde ich mit Toten leben. Es könnte sein, weil ich über den schrecklichen Fluchtweg nicht geredet habe. Den Weg habe ich überlebt, um jetzt vor Ihnen darüber zu reden.
Es tut mir weh wenn ich euch sage: ich bin vor dem Krieg geflohen.
Ich bin ein 100- jähriges Kind. Die Lage war sehr schlimm in meinem Land, es regnete Blut und Raketen. Ich war viel jünger als der Krieg ausbrach.
Ich konnte nicht in Frieden leben bis sie mich auf den Fluchtweg geschickt haben. Der Weg war sehr schrecklich, ich war traurig und düster.
Ich war introvertiert, pessimistisch und isoliert, mit passiven Gedanken.
Ich habe die Welt durch eine schwarze Brille gesehen und alles Unglück erlebt. Ich habe tausend Gefühle an einem Tag erlebt. Ich habe den Tod mehrmals gesehen und angefühlt, aber er konnte mich nicht greifen.
Und da er mich nicht greifen konnte, ist er in mein Land gegangen und hat alles genommen hat, was ich liebte.
Ich bin ein 100-jähriges Kind geworden bis ich in Deutschland angekommen bin. Als ich kam, war ich so müde, dass ich zuerst an Selbstmord dachte.
Immer, wenn ich über Selbstmord nachdachte, hörte ich die Stimme der Offenbarung, die mir sagte: Tue etwas damit du zufrieden bist! Du weißt, wer bist du! Du bist der Regisseur, der Autor, der Filmemacher… Du hast mich erstellt, ich bin dein Traum!
Da habe ich eingesehen, dass ich meinen kleinen Traum erfüllen muss, den ich in meinem Land wegen des Kriegs nicht verwirklichen konnte. Das ist die einzige Sache, die mich begeistert, um zu überleben.
Ich bin Ala‘a, und komme aus Damaskus. Ich lebe hier seit einem Jahr und möchte arbeiten damit ich mit neuen Ideen des Filmemachens anfangen kann, weil ich fühle dass ich ein neues Leben beginnen muss und das kommt nur mit neuem Geist und mit neuen Gedanken. Verzeihung, ich möchte nicht alles durch meine Aussage logisch machen weil ich viele unlogische Sachen erlebt habe. Hoffentlich ist das der Weg zu neuem Leben.  Vielen Dank.

Text von Ala'a Abohaweya  © 2017 Ala'a Abohaweya

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